Interview
Betriebsbestehen trotz längerer Auszeit
»Ich habe mir meinen Arbeitsplatz über Jahre aufgebaut. Ohne finanzielle Absicherung wäre mein Betrieb wahrscheinlich weg.«
Nadine Baleja, Bodenlegerin und Mutter
Während ihrer Ausbildung wurde Nadine Baleja schwanger – eine Erfahrung, die sie nachhaltig geprägt hat. Trotz anfänglicher Widerstände bestand sie auf ihrem Recht, ihre Abschlussprüfung noch hochschwanger vor der Mutterschutzfrist abzulegen. Weder der Ausbildungsbetrieb noch Berufsschule oder Prüfungskommission wussten zunächst, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Unterstützung fand sie erst über die Rechtsabteilung der Handwerkskammer. Nach der Geburt ihres Kindes entschied sich Frau Baleja, ihre berufliche Zukunft selbst zu gestalten. Die Selbstständigkeit bot ihr die Möglichkeit, schrittweise wieder in den Beruf einzusteigen, zunächst mit 16 Stunden pro Woche. Diese Flexibilität war für sie entscheidend, um Beruf und Familie vereinbaren zu können. Heute arbeitet sie rund 30 Stunden pro Woche, wobei sie durch unregelmäßige Kinderbetreuung häufig improvisieren muss.
Trotz familiärer Unterstützung und eines stabilen Netzwerks empfindet sie die Vereinbarkeit von Handwerk und Mutterschaft als strukturell schwierig. Fehlende Kita-Verlässlichkeit und finanzielle Unsicherheit erschweren den Alltag. Eine erneute Schwangerschaft schließt sie aus – nicht nur aus persönlichen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Der Verlust ihrer aufgebauten Selbstständigkeit und die fehlende Absicherung im Mutterschutz wären für sie und ihren Betrieb existenzbedrohend.
Wie haben Sie Ihre Ausbildungssituation während der Schwangerschaft erlebt?
Nadine Baleja: »Ich war damals die erste Schwangere im Betrieb, und niemand wusste, wie man damit umgehen sollte. Der Ausbildungsbetrieb, die Berufsschule und die Innung waren überfordert. Erst durch die Rechtsabteilung der Handwerkskammer bekam ich Unterstützung und konnte meine Prüfung hochschwanger ablegen.«
Warum haben Sie sich danach für die Selbstständigkeit entschieden?
Nadine Baleja: »Ich wollte nach der Geburt selbst bestimmen, wie und wann ich arbeite. In einem Angestelltenverhältnis wäre das mit einem kleinen Kind im Handwerk kaum möglich gewesen. So konnte ich meine Stunden langsam erhöhen und den Betrieb nach und nach aufbauen.«
Wie organisieren Sie heute Arbeit und Familie?
Nadine Baleja: »Ich arbeite 30 Stunden pro Woche. Mein Mann, meine Eltern und die Kita teilen sich die Betreuung. Schwierig ist, dass Kitas oft unzuverlässig sind: es gibt Schließtage oder kurzfristige Ausfälle. Dadurch verschieben sich Arbeitszeiten ständig, und das ist nicht nur im Handwerk problematisch.«
Würden Sie sich eine weitere Schwangerschaft unter diesen Bedingungen vorstellen können?
Nadine Baleja: »Nein. Ich habe mir meinen Arbeitsplatz über Jahre aufgebaut, und eine längere Auszeit würde das gefährden. Ohne finanzielle Absicherung wäre mein Betrieb wahrscheinlich weg. Das Risiko ist zu hoch.«
»Es gibt einfach keine Absicherung, die Selbstständige wirklich schützt.«
Nadine Baleja
Wie hoch schätzen Sie die wirtschaftlichen Folgen einer Schwangerschaft für sich ein?
Nadine Baleja: »Mit meinen Fixkosten und dem Einkommensausfall rechne ich mit mehr als 20.000 Euro Verlust für ein halbes Jahr. Das kann ich nicht auffangen. Es gibt einfach keine Absicherung, die Selbstständige wirklich schützt.«
Wie bewerten Sie die Idee einer Umlagefinanzierung?
Nadine Baleja: »Eine solidarische Umlage, in die alle einzahlen, wäre sinnvoll um mindestens die 14 Wochen Mutterschutz abzudecken. Mein Beruf und die Tätigkeiten sind prinzipiell schwierig bis gar nicht mit dem Mutterschutz vereinbar. Daher fände ich auch sinnvoll, wenn es eine Möglichkeit gibt, längere Ausfallszeiten abzusichern.«
Was wünschen Sie sich von Handwerkskammern und Krankenkassen?
Nadine Baleja: »Ich wünsche mir mehr Aufklärung und einfachere Regelungen. Mutterschaftsgeld und Krankengeld sollten Teil der normalen Versicherung sein, nicht Sondertarife. Die Handwerkskammern könnten ihre Reichweite nutzen, um alle Betriebe solidarisch einzubinden.«
Zur Person:
Nadine Baleja ist als selbstständige Bodenlegerin im Innenausbau tätig. Sie ist eine von 1.000 selbstständigen Handwerkerinnen in Nordrhein-Westfalen, die an unserer Befragung zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für selbständige Handwerkerinnen als (werdene) Mütter teilgenommen hat. Im Rahmen dieser Befragung stellte sie sich für ein weiterführendes Tiefeninterview zur Verfügung, das im Juni dieses Jahres geführt wurde.