Interview
Care-Arbeit und Anerkennung
»Familien dürfen nicht die Lücken eines unzureichenden Systems ausgleichen müssen.«
Christiane Becker, Vergolderin und Mutter aus Krefeld
Christiane Becker ist selbstständige Vergolderin und Restauratorin und führt seit vielen Jahren ihr eigenes Atelier. Sie blickt auf eine lange Berufserfahrung im kunsthandwerklichen Bereich zurück. Ihre Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Handwerk und Kunst, was sowohl hohe Fachkompetenz als auch ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein für wertvolle Kulturgüter erfordert. Während ihrer Schwangerschaft 1998 war Frau Becker selbstständig tätig und stand vor erheblichen organisatorischen und finanziellen Herausforderungen. Der Mutterschutz griff für sie als Selbstständige nicht. Die Zeit vor der Geburt war von gesundheitlichen Belastungen geprägt, gleichzeitig musste sie den Betrieb am Laufen halten.
Unterstützung fand sie in einer engen Kollegin, mit der sie ihre Werkstatt schließlich gemeinsam weiterführte. Die Nähe zwischen Wohn- und Arbeitsort ermöglichte ihr, auch nach der Geburt frühzeitig wieder im Betrieb aktiv zu sein. Ihr Sohn war von Beginn an in der Werkstatt dabei, später übernahm eine Tagesmutter die Betreuung. Finanziell blieb die Zeit nach der Geburt jedoch schwierig. Durchlaufende Kosten, geringe Einnahmen und fehlende Absicherung führten immer wieder an die Grenze des Existenzminimums. Diese Erfahrungen prägen bis heute Frau Beckers Sicht auf die soziale Absicherung selbstständiger Frauen im Handwerk.
Wie verlief Ihre Schwangerschaft als selbstständige Handwerkerin?
Christiane Becker:
»Ich habe während meiner Schwangerschaft ganz normal weitergearbeitet – mit Maschinen, Lacken und Lösemitteln. Das war gesundheitlich belastend, aber eine andere Option gab es nicht. Zum Glück hatte ich Unterstützung durch eine Kollegin, die mich in der Zeit begleitet hat. Ohne dieses Vertrauen wäre es kaum gegangen.«
Wie gestaltete sich die Zeit nach der Geburt?
Christiane Becker:
»Meine Wohnung lag direkt neben der Werkstatt, daher war ich praktisch direkt wieder im Betrieb. Mein Kind war in den ersten Monaten mit mir in der Werkstatt. Später übernahm eine Tagesmutter die Betreuung, was für uns eine gute Lösung war. Sie war flexibel, verlässlich und hat uns in schwierigen Zeiten sehr geholfen.«
Wie stark waren Sie finanziell betroffen?
Christiane Becker:
»Die finanziellen Einbrüche waren erheblich. Obwohl ich schnell wieder eingestiegen bin, war die Belastung enorm. Fixkosten wie Miete, Auto, Steuern und Versicherungen liefen weiter, und trotz zusätzlicher Versicherung gab es keine Leistungen. Ich lebte dauerhaft am Existenzminimum.«
Gab es Tätigkeiten, die Sie während der Schwangerschaft einschränken oder abgeben mussten?
Christiane Becker:
»Ich habe versucht, vorsichtiger zu arbeiten, aber im Prinzip alles weitergeführt. Im Restaurierungsbereich arbeitet man mit Materialien, die nicht immer unbedenklich sind. Eine echte Entlastung gab es nur durch meine Kollegin, mit der ich mir die Werkstatt teile – ohne sie wäre es kaum gegangen.«
Welche Unterstützung hätten Sie sich gewünscht?
Christiane Becker:
»Ich hätte mir ein System gewünscht, das Selbstständige besser absichert – ohne komplizierte Bedürftigkeitsprüfungen. Ein Modell wie die Künstlersozialkasse für Handwerkerinnen wäre sinnvoll. Außerdem sollten Eltern unabhängig vom Einkommen finanziell unterstützt werden. Kinder dürfen kein Armutsrisiko darstellen.«
»Die Fixkosten liefen weiter. Ich lebte dauerhaft am Existenzminimum.«
Christiane Becker
Wie stehen Sie zu einem umlagefinanzierten Mutterschaftsausgleich oder zu einer Betriebshilfe im Handwerk?
Christiane Becker:
»Ich halte beides für gute Ansätze. Eine solidarische Umlage, an der alle Betriebe beteiligt sind, könnte helfen, Ausfallzeiten abzusichern. Ebenso wichtig finde ich die Idee eines Betriebshilfenetzwerks, in dem Handwerksbetriebe sich gegenseitig vertreten können. Kooperation statt Konkurrenz – das wäre ein Schritt in die richtige Richtung.«
Was wäre Ihr wichtigster politischer Wunsch?
Christiane Becker:
»Ich wünsche mir, dass Care-Arbeit und Kindererziehung endlich als gesellschaftlich relevante Leistung anerkannt werden – unabhängig vom Einkommen oder Beschäftigungsstatus. Familien dürfen nicht die Lücken eines unzureichenden Systems ausgleichen müssen.«
Zur Person:
Christiane Becker, Vergolderin und Mutter, ist eine von 1.000 selbstständigen Handwerkerinnen in Nordrhein-Westfalen, die an unserer Befragung zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für selbständige Handwerkerinnen als (werdene) Mütter teilgenommen hat. Im Rahmen dieser Befragung stellte sie sich für ein weiterführendes Tiefeninterview zur Verfügung, das im Juni dieses Jahres geführt wurde.